Der Schwimmer

© TiJo (www.film-berater.de), 2020

Einleitung

Ich lese viel und gerne, habe ein besonderes Faible für US-amerikanische Short Stories. John Cheevers Kurzgeschichten sind heute – nicht nur hierzulande – weniger bekannt als jene von Hemingway oder Carver, gehören aber zum Besten, das diese literarische Gattung hervorgebracht hat. Gleich für seinen ersten Roman hat der 1912 geborene Cheever den National Book Award bekommen. Für seine phänomenalen Kurzgeschichten erhielt Cheever den Pulitzer-Preis. Als er im Jahr 1982 starb, war John Cheever einer der berühmtesten amerikanischen Autoren seiner Zeit. Umso erstaunlicher ist es, dass er nach dem Tod relativ schnell an Bedeutung verlor. Cheever, den man häufig als Chronisten amerikanischer Vorstädte bezeichnet, enttarnte in seinen Geschichten, welche er lange Zeit vorwiegend im New Yorker veröffentlichte, meisterlich die Scheinheiligkeit und die heimlichen Begierden der gehobenen weißen Mittelschicht. Er tat dies fast nebenbei; deutete Abgründe an, ohne jemals explizit zu werden.

Wie konnte ein solcher Könner derart in Vergessenheit geraten? Liegt es daran, dass Cheevers Geschichten schon zum Zeitpunkt seines Todes seltsam aus der Zeit gefallen wirkten? Cheevers Protagonisten sind mehrheitlich Kettenraucher und wohlsituierte Trinker der 1940er bis frühen 1960er Jahre, die sich vor dem Mittagessen den ersten Gin on the rocks oder einen goldgelben Bourbon gönnen. Der Schwips wird kultiviert, um Langeweile und innere Leere erträglicher zu machen, um quälende Sorgen auszublenden. Die Handlungen entwickeln sich meist in kleinen Suburbs an der amerikanischen Ostküste. Hier gehört die gut ausgestatte Hausbar genauso zur Normalität, wie der Swimmingpool im Garten oder der fein säuberlich gestutzte Rasen neben der Garageneinfahrt vor dem Haus. In dieser heilen Welt glaubt man fest an den amerikanischen Traum und ist stolz auf die Mitgliedschaft im exklusiven Country Club.

Cheever selbst lebte mit seiner Familie in einem dieser Vororte. Er war depressiv, ein Alkoholiker. Cheever litt, wie man nach seinem Tod in seinen Tagebüchern erfahren konnte, unter einer verborgenen Homosexualität. Die Angst aus jener Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, welche er in seinen Texten mit viel Ironie aber ohne offenkundigen Zorn oder Zynismus charakterisierte, muss immens gewesen sein. So kultivierte der verzweifelte Autor eigene Lebenslügen, während er in seinen Geschichten als rücksichtsloser Desillusionierer hinter die Fassaden der fein säuberlich aufgereihten Mittelstandshäuser blickte. Cheever trat dabei als prototypischer „männlicher Erzähler“ auf. Seine Helden versprühen eine maskuline Kraft und Lässigkeit. Letztlich zeichnete er sie jedoch als Getriebene, den Statusverlust fürchtend. Selbstbewusste oder gar unabhängige Frauen sucht man bei Cheever vergeblich.

Allmählich findet die literarische Wiederentdeckung Cheevers statt. Vielleicht befremden uns seine Protagonisten aus dem gutsituierten Bürgertum heute weniger. Spätestens seit dem Erfolg der Fernsehserie Mad Men, sind wir mit den Bildern des vom wirtschaftlichen Aufschwung und der Fortschrittsgläubigkeit der Amerikaner getragenem Lebensstiles der 1960er Jahre auch hierzulande vertraut. Gin Tonic aus schweren Bleikristallgläsern gehört längst zum Standardrepertoire einer jeden Kleinstadtbar und retro ist angesagt. Die vermutlich bekannteste Erzählung John Cheevers, welche den Namen Der Schwimmer trägt, habe ich einige Jahre vor der gleichnamigen Verfilmung entdeckt und seither mehrfach gelesen. Es ist eine dieser Geschichten, die man nicht mehr vergessen wird.

Kritik

Durch die Pools der Nachbarschaft…

Für die filmische Umsetzung wurde die Kurzgeschichte ein wenig modifiziert – manches wurde hinzugefügt, anderes gestrichen. Die Rahmenhandlung ist jedoch identisch und beginnt an einem wunderschönen Sommertag. Einer jener Tage, an denen die Bewohner eines wohlhabenden Bezirks von Connecticut träge an ihren Swimmingpools sitzen und das Gefühl nicht loswerden, am Vorabend zu viel getrunken zu haben. Ned „Neddy“ Merrill (Burt Lancaster), ein, wie es scheint, allseits beliebter Strahlemann kommt völlig unverhofft, nur in Badehose gekleidet, bei Freunden zu Besuch, um in ihrem Pool zu schwimmen. Das Paar heißt ihn herzlich willkommen, auch wenn deutlich wird, dass seit der letzten Zusammenkunft mindestens zwei Jahre vergangen sind. Nachdem der trainierte Schwimmer Neddy erfährt, dass ein befreundetes Nachbarpaar sich ebenfalls einen Swimmingpool zugelegt hat, kommt ihm ein spaßiger Einfall. Er beabsichtigt „nach Hause zu schwimmen“, was im Klartext bedeutet, dass er auf dem Heimweg alle Swimmingpools der Nachbarschaft durchqueren will. Bei genauerer Betrachtung scheinen sich die Pools wie eine zu seinem eigenen Grundstück weisende Wasserstraße aneinanderzureihen. Und schon springt Neddy ins kühle Nass und schwimmt los, das Ziel immerzu vor Augen. Er taucht in seiner Badehose auf den Partys alter Bekannter auf, nimmt manchmal einen Drink am Beckenrand, beteiligt sich hier und da an den leeren Gesprächen und krault schließlich weiter…

Die Inhaltsangaben auf www.film-berater.de folgen grundsätzlich dem Prinzip, nur die Ausgangskonstellation oder die Grundzüge einer Filmhandlung zu skizzieren. In Analogie zu der sonstigen Vorgehensweise müsste die Beschreibung des Inhalts hier enden. Wenn ich Ihr Interesse geweckt habe und Sie im Vorfeld nicht mehr über die Geschichte erfahren wollen, bereits online im DVD-Shop nach der Der Schwimmer suchen, dann empfehle ich den Beitrag nicht über diesen Absatz hinaus zu lesen. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, nehme mir für diesen Fall aber heraus anzumerken, dass Sie einen schrägen Filmgeschmack haben. Die Geschichte eines in die Jahre gekommenen Mannes, der in abendfüllender Spielfilmlänge von Pool zu Pool schwimmt, spricht Sie an? Sitzen Sie auch gebannt vor dem Fernseher, um einer DVD mit flackernden Flammen und knisterndem Holz oder der bunten Welt eines Süßwasseraquariums zu folgen? Die Handlung von Koyaanisqatsi ist nach Ihrer Auffassung unnötig komplex und wendungsreich? Nein? Dann lassen Sie es mich ausnahmsweise mit der Verschwiegenheit nicht so genau nehmen. Ich werde Ihnen im Folgenden weitere Details zur Story verraten, damit Sie eine Idee davon bekommen, worum es in Der Schwimmer wirklich geht…

…und die eigene Vergangenheit

Auf dem Weg nachhause, von Swimmingpool zu Swimmingpool, schwinden Neddy allmählich die Kräfte und auch sonst scheint ihm einiges zu entgleiten. Alte Freunde machen ihm Vorwürfe, entlarven seine Lebenslügen, zeichnen eine bittere Bilanz. Die überschwänglichen Lobreden auf seine Frau und die beiden Töchtern wirken auf etliche Bekannte befremdlich. Das Wetter verändert sich, es wird kälter, Herbststürme ziehen auf. Am Ende bleibt Neddy und den Zuschauern die Erkenntnis, dass nichts ist, wie es (vielleicht) einst war – das Gezeigte hebt sich selbst auf. Das prachtvolle Bild, welches der schwimmende Protagonist von seiner Gegenwart entwirft, scheint völlig inkongruent mit der Realität zu sein. Doch das Wahnhafte Erleben dieses Schwimmers (…heißt er wirklich Ned?), macht es unmöglich zu erkennen, wo die Grenze zwischen Wunschtraum und Realität verläuft. Der soziale Abstieg des Schwimmers, soviel scheint sicher, hat hingegen längst stattgefunden. Das Publikum wird über das eigentliche Trauma, den Einschnitt im Leben des Schwimmers, im Dunkeln gehalten.

Ein Film als Familienprojekt

In der literarischen Vorlage führte uns John Cheever meisterlich von einem realistischen Ausgangsszenario in eine surreal-anmutende Parallelwelt. Er nahm uns mit – von der scheinbaren Wirklichkeit tief in den Wahn seines Protagonisten. Dabei entlarvte er die Lügen und Fantastereien des gutsituierten Bürgertums und demaskierte letztlich den American way of life. Dass dieser praktisch dialogfreie Stoff überhaupt zu einem anständigen Film werden konnte, ist die Leistung der Drehbuchautorin Eleanor Perry. Schon als die Short Story Der Schwimmer zum ersten Mal in der Ausgabe des New Yorker vom 18. Juli 1964 veröffentlicht wurde, hatte Eleanor Perry die Vision einer Verfilmung. Doch es war nicht einfach, ihren Mann, den Regisseur Frank Perry, von diesem Vorhaben zu überzeugen. John Cheever selbst war es, der sich nach einem Brief von Eleanor Perry entschied, sie und Frank mit der Umsetzung des Filmprojekts zu betrauen. Eleanor Perry hatte einen Universitätsabschluss im Bereich der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie vorzuweisen. Möglicherweise war dieser berufliche Background hilfreich für die filmische Umsetzung der Wahnwelten des Schwimmers. Cheever wirkte übrigens genau wie Eleanor Perry in einer Statistenrolle am Film mit.

Künstlerische Differenzen

Der Schwimmer entstand mit recht bescheidenen Mitteln im Jahre 1966, kam aber erst 1968 in die amerikanischen Kinos. Zuvor hätten teils chaotische Bedingungen geherrscht, die nur teilweise an die Außenwelt gelangten. Die Verzögerung im Produktionsablauf wurde maßgeblich durch Streit und Differenzen am Set verursacht. Frank Perry verlor schließlich seinen Job, nachdem, so hieß es Jahre später, der mit einem mächtigen Vertrag und Mitspracherecht ausgestattete Hauptdarsteller Burt Lancaster ihn gefeuert hatte. Perry wurde, nach einigen Fehlgriffen, durch den jungen Regisseur Sydney Pollack ersetzt, der später mit Die drei Tage des Condor oder Jenseits von Afrika Filmgeschichte schreiben sollte. Trotz dieser Spannungen und dem Rausschmiss ihres Mannes, wurde Eleanor Perry damals angeworben, um zusätzliches Material für den Film zu schreiben. Angeblich wurden fast 40 Minuten des Rohfilms verworfen und unter Pollack neu gedreht. So wurde u.a. die Szene mit Neds ehemaliger Geliebten, Shirley Abott, von Sydney Pollack arrangiert. Janice Rule ersetzte im Verlauf der Dreharbeiten Barbara Loden, welche zuvor den Part der Shirley Abott gespielt hatte. Gerüchtehalber verwendete Lancaster während dieser turbulenten Zeit sogar sein Privatvermögen, um einen letzten Drehtag möglich zu machen, nachdem die Weiterfinanzierung durch Columbia gestrichen wurde. Man kann nicht von der Hand weisen, dass dem fertigen Film eine gewisse fehlende Kohärenz anzumerken ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob diese jemals aufgefallen wäre, hätte es keinen Grund gegeben, gezielt nach ihr zu suchen.

Geheimtipp des New Hollywood-Kinos

Die sogenannte „New Hollywood“-Ära modernisierte von 1967 bis Ende der 1970er Jahre das traditionelle Hollywood-Kino. Der Schwimmer kann aufgrund seiner gesellschaftskritischen Haltung, seiner außergewöhnlichen Story sowie dem Verzicht auf ein Happy End als Vorbote dieser Ära interpretiert werden. Umso gelungener erscheint vor diesem filmgeschichtlichen Hintergrund die Besetzung der Hauptrolle durch Burt Lancaster, verkörperte dieser zuvor doch den traditionellen Hollywood-Film. Lancaster, zum Zeitpunkt des Drehs 53 Jahre alt, trägt im gesamten Film (über insgesamt 91 Minuten) nie mehr als eine Badehose. In Lancasters Garderobe, so heißt es, hätte es siebzehn identische dunkelblaue Nylon-Schwimmhosen gegeben. Lancaster hatte vor seiner Filmkarriere als Hochseilartist und Trapezkünstler im Zirkus und auf Jahrmärkten gearbeitet, entsprechend athletisch war seine Statur. Dank eines umfassenden Fitnesstrainings machte er im Film eine bestechende Figur. Damit der eher wasserscheue Lancaster auch als Schwimmer überzeugen konnte, brauchte es Nachhilfe. Der bekannte Wasserballtrainer und ehemalige Olympia-Teilnehmer Bob Horn gab Lancaster Trainingsstunden an der University of California in Los Angeles und in Lancasters Heimschwimmbad in Bel Air. All die Mühe hat sich gelohnt, denn Lancaster wirkt in den ersten Szenen des Films topfit. Somit ist der (körperliche) Verfall, den er während der Geschichte durchmacht, umso beeindruckender. Seine Darstellungskraft als Ned Merrill weiß nicht nur Lancasters Fans zu begeistern. Obwohl Der Schwimmer nach seiner Veröffentlichung nur wenig Beachtung fand, wurde er in den folgenden Jahren als eines der herausragenden Werke Lancasters gewürdigt.

Bilder mit Retrocharme

In vielen deutschen Städten gibt es diese eine Bar, in der Bilder von Jean-Paul Belmondo oder Steve McQueen die Wände schmücken. Nicht weil man ein echter Fan ihres Schaffens wäre, sondern weil der beauftragte Interior Designer die Vintage-Poster dieser Draufgänger für ausreichend stilsicher befand. Warum auch nicht – die Lässigkeit der beiden ist schwer zu leugnen. Durch die augenzwinkernde Ausstellung der schießwütigen Leinwandlegenden verspricht man sich zudem ein besonderes Publikum – jung, bohème und weltgewandt. Der Schwimmer liefert in fast jeder Einstellung allerfeinste Retrobilder, die die Konterfeis der Kollegen McQueen und Belmondo noch in den Schatten stellen. Bilder, die zwischen Coolness und Kitsch changieren. Glauben Sie mir, eine Fototapete mit einem Szenenfoto aus Der Schwimmer könnten eines Tages auch Ihre Lieblingsbar schmücken.

Obwohl Der Schwimmer an mancher Stelle überladen oder unnötig prätentiös wirkt, dürfte der Film heute viele Menschen begeistern. Der Schwimmer hat, nicht zuletzt aufgrund seines coolen Looks, das Zeug zum absoluten Kultfilm. Dass die Produktion dabei keineswegs perfekt ist, dürfte für die Ernennung zum Kultfilm sogar förderlich sein.

Fazit: Optisch, aus heutiger Sicht, extrem ansprechendes Vorstadtdrama mit Kultfilmpotenzial. Die Diskrepanz zwischen dem sichtbaren Geschehen und der tatsächlichen Vergangenheit des Protagonisten, sorgt für Irritation und Rätselraten beim Publikum. Die Neuentdeckung dieses ungewöhnlichen Films lohnt sich!

Originaltitel: The Swimmer
Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 1968
Regie: Frank Perry, Sydney Pollack
Drehbuch: Eleanor Perry
Darsteller: Burt Lancaster, Janice Rule, Janet Landgard
Kamera: David L. Quaid
Musik: Marvin Hamlisch
FSK: 12

Für wen ist dies der ideale Film?

  • Für Fans von Gin Tonic, Mad Men und dem amerikanischen Lebensstil der 1960er dürfte Der Schwimmer gleichermaßen interessant und ernüchternd sein.
  • Hegen Sie, wie Martin Suters Geri Weibel, den sehnlichen Wunsch, den Trends von morgen bereits heute zu folgen, sollten Sie Der Schwimmer rechtzeitig auf dem Schirm haben. Ich glaube fest daran, dass die US-amerikanische Produktion Kultfilmpotenzial besitzt und eines Tages wiederentdeckt werden wird.

Welches Setting passt zu diesem Film?

  • Der Schwimmer ist ein echter Allrounder: Egal ob Sie einen Film für die intime Cineastenrunde, den Heimkinoabend in der Familie oder die sommerliche Cocktailparty am Pool suchen – Der Schwimmer scheint mir eine gute Wahl.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.