Fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker

© TiJo (www.film-berater.de), 2020

Es ist unglaublich, wie viele grundsätzlich filmbegeisterte Menschen nie einen Horrorfilm gesehen haben. Die Gründe mögen vielfältig sein. Nicht selten steckt eine ausgeprägte Berührungsangst mit dem Gruselfilm („Warum sollte ich mir etwas anschauen, was Unbehagen in mir Angst auslöst?“) oder eine intellektuelle Geringschätzung des Genres dahinter („Horrorfilme sind anspruchslose B-Movies“). Man geht heute davon aus, dass vor allem die Personen durch einen Horrorfilm traumatisiert werden, die diesen nicht aus freien Stücken gesehen haben. Wahrhaftige Ängste beim Gegenüber, die zu einer Ablehnung dieser Filmgattung führen, sollten daher akzeptiert werden. Der Verkennung des intellektuellen Werts des Horror-Genres kann hingegen mit einer Empfehlung großartiger Genrevertreter begegnet werden – fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker finden Sie in diesem Beitrag.

Von der Stummfilmära bis heute

Was bei aller Kritik am Horrorfilm nicht in Vergessenheit geraten darf: Seine Geschichte reicht fast so weit zurück wie die Geschichte der Filmkunst überhaupt. Mary Shelleys Frankenstein wurde erstmalig 1910 als Stummfilm verfilmt. 1922 schuf Friedrich Murnau mit Nosferatu eine bis heute legendäre – nicht autorisierte – Verfilmung des Romans Dracula von Bram Stoker.

Der Zweifel am intellektuellen Wert des Horrorfilms ist kein neues Phänomen und scheint über Länder- und Kulturgrenzen zu bestehen. So dominierte zuletzt im angelsächsischen Raum der Begriff elevated Horror (dt. gehobener Horror) die Diskussion. Den Vertretern dieses Subgenres, hierzu zählen beispielsweise die Filme von Ari Aster oder Oscarpreisträger Jordan Peele, wird eine über das eigentliche Horror-Genre hinausgehende Relevanz unterstellt. Ihre Qualität, ihr Niveau und vor allem ihre Kunstfertigkeit machen sie für jene Kinogänger attraktiv, die den Horrorfilm gewöhnlich meiden. Selbstverständlich stößt dieses Konzept auf reichlich Widerstand von horroraffinen Filmkritikern und Regisseuren des, dem Konzept zufolge, „nicht-gehobenen“ Horrorfilms.

Außenseiterstatus als Chance

Ich habe schon immer eine Bewunderung für die gutgemachten Vertreter des Horror-Genres empfunden, ob diese als „gehoben“ gelten oder nicht. Ihr Außenseiterstatus führte in der Vergangenheit vielfach zu wichtigen Innovationen, welche andere Genres in dieser Anzahl und Entschlossenheit vermissen lassen. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass das Horrorgenre unzählige namhafte Filmemacher hervorgebracht hat (u.a. Sam Raimi, Oliver Stone und James Cameron).

Die Liste der Fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker empfehle ich denjenigen Lesern, die den Ausflug in dieses vielseitige Genre wagen wollen. Vielen Neulingen auf diesem Gebiet hilft es, Horrorfilme in einer Gruppe zu schauen. Zusammen ist man schließlich weniger allein. Gerade der Horror-Boom der 1990er Jahre war vielfach mit Videoabenden im Freundeskreis verbunden. Wenn Ihnen ein Film zu heftig erscheint, sollten Sie aber nicht aus Gründen des sozialen Drucks durchhalten. Auf eine abschließende Punktevergabe wird innerhalb der Kurzkritiken verzichtet – jeder genannte Film stellt, wie alle Filmbesprechungen auf www.film-berater.de, eine Empfehlung dar.

Die Liste: Fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker

Shining

Der Schriftsteller Jack Torrance übernimmt die Stelle des Hausverwalters im Overlook-Hotel, einem legendären Berghotel in Colorado. Während der Wintermonate wird er mit seiner Familie das vollkommen verlassene und eingeschneite Hotel bewohnen, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen. Jack sieht darin die ideale Gelegenheit, in Ruhe seinen Roman zu beenden. Seine Frau Wendy freut sich auf den gemeinsamen Winter in Colorado. Nur der sechsjährige Sohn der beiden, Danny, hat düstere Vorahnungen das Hotel betreffend. Im Overlook-Hotel verliert Jack zunehmend den Verstand, und die Jagd auf seine Familie beginnt.

Stanley Kubricks Kult-Horrorfilm aus dem Jahr 1980 (nach der Romanvorlage von Stephen King) war einer der ersten, den ich in meiner Jugend schaute. Die umfangreiche VHS-Sammlung meines Vaters machte es möglich. Ich bin dankbar für diesen Einstieg, denn der Ausflug ins Overlook-Hotel gehört visuell und schauspielerisch zum Besten, was das Genre zu bieten hat. In der Liste der Fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker darf Shining somit nicht fehlen. Interessanterweise äußerte Stephen King mehrfach seine Unzufriedenheit mit Kubricks Verfilmung, weil ihn Jack Nicholsons aufsehenerregendes Schauspiel als Jack Torrance zu sehr von den übernatürlichen Geschehnissen im Hotel ablenke. Der Film ist virtuos inszeniert und hat bis heute nichts an seiner Spannung verloren. Außerdem besticht Shining durch eine einzigartige Kameraarbeit. Ein schauriges Meisterwerk, welches man unbedingt gesehen haben sollte.

Originaltitel: The Shining
Produktionsland: Vereinigtes Königreich, USA
Erscheinungsjahr: 1980
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick, Diane Johnson
Darsteller: Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd, Scatman Crothers
Kamera: John Alcott
Musik: Wendy Carlos, Rachel Elkind
FSK: 16

So finster die Nacht

Oskar, ein zwölfjähriger Junge, lebt isoliert mit seiner Mutter in einer Stockholmer Wohnsiedlung. Der Junge wird von seinen Schulkameraden gemobbt, echte Freunde hat er keine. In seinem Inneren schaut es düster aus, er hegt geheime Rachefantasien gegen seine Peiniger. Dann lernt er Eli kennen, eine mysteriöse Nachbarin, die nur nach Sonnenuntergang draußen ist. In ihr scheint Oskar erstmalige eine Seelenverwandte gefunden zu haben, doch das blasse Mädchen hütet ein schauriges Geheimnis.

Auch das melancholische Horror-Drama von Tomas Alfredson aus dem Jahr 2008 hat eine Romanvorlage. Die Verfilmung der Geschichte von John Ajvide Lindqvist war ein beachtlicher Erfolg und wurde in der Folge, wie viele europäische Vorzeigeproduktionen, für den amerikanischen Markt neuverfilmt (Let Me In, 2010). Obwohl es sich hierbei um ein erstaunlich gelungenes Remake handelt, empfehle ich ausdrücklich das „Original“, welches 2016 bei einer Umfrage der BBC zu den 100 bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts den 94. Platz belegte. Der Film ist wunderbar schwedisch-unterkühlt, verzichtet auf spektakuläre Effekte und besticht durch ein entschleunigtes Erzähltempo, welches nicht jedem gefallen dürfte. Auch der Genremix (Horrordrama, Liebesfilm, Coming-of-Age-Geschichte) mag manch eingefleischten Horrorfan abschrecken, macht den Film aber gerade für Skeptiker des Genres interessant. Somit erhält So finster die Nacht einen verdienten Platz auf der Liste der Fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker.

Originaltitel: Låt den rätte komma in
Produktionsland: Schweden
Erscheinungsjahr: 2008
Regie: Tomas Alfredson
Drehbuch: John Ajvide Lindqvist
Darsteller: Lina Leandersson, Kåre Hedebrant
Kamera: Hoyte van Hoytema
Musik: Johan Söderqvist
FSK: 16

Rosemaries Baby

Das kinderlose Ehepaar Rosemarie und Guy Woodhouse zieht in eine neue Wohnung im Bramford House im Herzen von New York. Wie sie erfahren, sei das Bramford House in der Vergangenheit Schauplatz mysteriöser Todesfälle gewesen. Nach dem tödlichen Unfall einer Mieterin lernen Rosemarie und Guy das ältere Ehepaar Minnie und Roman Castevet kennen, welche sich auffällig zu ihnen hingezogen fühlen. Rosemarie hegt seit langen den Wunsch, ein Kind zu bekommen. Eines Abends fällt Rosemarie nach einem gemeinsamen Essen in einen tiefen Schlaf, in dem sie träumt, vom Teufel vergewaltigt zu werden. Tatsächlich hat Guy in jener Nacht mit ihr geschlafen, weil dieser die Zeit des Eisprungs nutzen wollte. Als Rosemarie kurz darauf schwanger wird, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Der vielschichtige Film nach einer Romanvorlage von Ira Levin war seinerzeit ein Kassenschlager, obwohl er vor allem in (amerikanischen) Kirchenkreisen auf massive Kritik stieß. Das Werk Roman Polańskis spielt versiert mit dem Aberglauben seiner Zuschauer und setzt auf zahlreiche Motive der Psychoanalyse. Trotz der Jahre, die Rosemaries Baby mittlerweile auf dem Buckel hat, funktioniert er bis heute wunderbar – nicht zuletzt dank Polańskis filmkünstlerischer Perfektion. Was den Film aus meiner Sicht aber großartig macht, ist die Mehrdeutigkeit auf der Handlungsebene. Es bleibt bis zuletzt unklar, was wir da gesehen haben: Erleidet Rosemarie eine wahnhafte Veränderung ihrer Wahrnehmung oder ist sie das Opfer eines Verschwörungskomplotts? Machen Sie sich unbedingt Ihr eigenes Bild – Sie werden es nicht bereuen.

Originaltitel: Rosemary’s Baby
Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 1968
Regie: Roman Polański
Drehbuch: Roman Polański
Darsteller: Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Maurice Evans, Ralph Bellamy
Kamera: William Fraker
Musik: Christopher Komeda
FSK: 16

Der Babadook

Amelia hat den Unfalltod ihres Mannes nicht überwunden, welcher sich vor sechs Jahren am Tag der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Samuel ereignete. Für Samuel hat sie ambivalente Gefühle – sie liebt ihn als ihren Sohn, macht ihn für den Tod seines Vaters aber mitverantwortlich. Den Jungen quälen grausame Albträume von einem Monster, welches ihn und seine Mutter töten will. Als er eine alte Gruselgeschichte mit dem Titel „Mister Babadook“ findet, verstärkt dies seine Angst nur, insbesondere da das Buch ankündigt, dass der Babadook zu Besuch kommen würde und man ihn dann nicht mehr loswerden könne. Von seiner Furcht gezeichnet, wird Samuel immer verhaltensauffälliger, doch Amelia, die eine psychische Erkrankung als Ursache vermutet, will lange nicht an eine übernatürliche Heimsuchung glauben.

Der virtuos inszenierte Horrorfilm (2014) der australischen Regisseurin Jennifer Kent hat mich bei der ersten Sichtung kalt erwischt. Ich kann mich nicht erinnern, je zuvor einen gruseligeren Film gesehen zu haben. Ähnlich wie Rosemaries Baby erzählt Kent eine Geschichte, die verschiedene Interpretationen zulässt. Auf der erschreckendsten Deutungsebene erlebt der Zuschauer ganz „realen“ Horror. Gruselfilme entfalten die stärkste Wirkung, wenn sie unsere tatsächliche Lebenswelt berühren. Dass eine der beiden Hauptfiguren in diesem kammerspielartigen Horrorfilm, ein Kind ist, stellt eine weitere Herausforderung für den empathischen Zuschauer dar. Unbedingt sehenswert!

Originaltitel: The Babadook
Produktionsland: Australien
Erscheinungsjahr: 2014
Regie: Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman
Kamera: Radoslaw Ladczuk
Musik: Jed Kurzel
FSK: 16

Wir

Adelaide Wilson und ihr Mann Gabe beabsichtigen mit ihren Kindern Zora und Jason ein paar entspannte Sommertage an der nordkalifornischen Küste zu verbringen. Nach einem ersten Urlaubstag am Strand nähern sich abends bedrohliche Gestalten in roten Overalls und bewaffnet mit Scheren ihrem Ferienhaus. Die ungebetenen Besucher jagen ihnen nicht nur große Angst ein, sie sehen den einzelnen Familienmitgliedern der Wilsons verstörend ähnlich.

Kenner des Horrorgenres werden sich vielleicht wundern, wieso ich Jordan Peeles Wir vorstelle. Die Liste nennt fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker. Dabei hat Peele nicht zuletzt mit seinem Vorgänger Get Out gezeigt, dass er die weniger horroraffinen Zuschauer erreicht. So erlangte Get Out bei einem Minimalbudget von 4,5 Millionen Dollar weltweit mehr als 250 Millionen Einnahmen an den Kinokassen und wurde mit Lob und Preisen, darunter Peeles Oscar 2018 für das beste Drehbuch, überschüttet. Naturgemäß hat man es nach einem solchen Regiedebüt nicht leicht, doch Peele legte phänomenal – wenn auch etwas weniger beachtet – nach. Während Get Out vor allem eine Satire (mit Horrorelementen) war, ist Peeles Wir ein „echter“ Horrorfilm und taucht daher zurecht auf der Liste der Fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker auf.

Wie gut er mir gefallen hat, habe ich auch daran festmachen können, dass ich noch Wochen nach der Sichtung an den Filmplot zurückdenken musste. Obwohl der Horror dieses Mal im Vordergrund steht, hat Peele wieder einen Weg gefunden, gesellschaftskritische Töne in sein Werk einzuflechten und lotet abermals die Grenze zwischen Horror und Sozialkomödie aus. Peele geht es in Wir nicht erneut um einen bissigen Kommentar zum Schwarzsein in den heutigen USA. Stattdessen thematisiert er die sozialen Privilegien der (amerikanischen) Mittelständler und verdeutlicht, dass jeder Wohlstand einer Gesellschaft auf der Ausbeutung anderer Gesellschaften und Individuen beruht. Wir zeigt in eindrucksvollen Bildern, wie es wäre, wenn diese ausgebeuteten Doppelgänger in unserer Welt auftauchen würden, wild entschlossen, unsere Privilegien zu übernehmen.

Es war ein wichtiger Kunstgriff Peeles, jeden Schauspieler sein eigenes Double spielen zu lassen. Lupita Nyong’o, die einen Oscar für ihre Nebenrolle in 12 Years a Slave gewann, sticht aus dem starken Ensemble heraus und schafft zwei völlig unterschiedliche Figuren. Beeindruckend und ein würdiger Abschluss der Liste der Fünf Filme für Horrorfilm-Skeptiker.

Originaltitel: Us
Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 2019
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
Darsteller: Lupita Nyong’o, Madison Curry, Winston Duke, Elisabeth Moss, Tim Heidecker
Kamera: Mike Gioulakis
Musik: Michael Abels
FSK: 16

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