Fünf Filme für Daheimgebliebene

© TiJo (www.film-berater.de), 2020

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus hat unsere Urlaubsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt. Inzwischen werden erste Reisewarnungen des Auswärtigen Amts wieder aufgehoben. Die krisengeschwächte Lufthansa wirbt mit einer Home-Coming-Garantie um Fluggäste. Trotzdem dürfte 2020 für viele Leserinnen und Leser von www.film-berater.de ein reisefreies Jahr bleiben. Was tun bei Fernweh?

Wenn Sie nicht in Ihre persönliche Lieblingsstadt reisen können, dann holen Sie sich diese als Heimkinoerlebnis ins eigene Wohnzimmer. In diesem Beitrag präsentiere ich Fünf Filme für Daheimgebliebene. Filme, denen ihre Schauplätze einen deutlichen Identitätsstempel aufdrücken. Filme, in denen die Stadt zu einem weiteren Hauptdarsteller wird.

Selbstverständlich könnte ich Ihnen Leaving Las Vegas (den filmischen Beweis, wozu Nicolas Cage schauspielerisch in der Lage ist) oder Der dritte Mann, als den Wien-Film schlechthin, empfehlen. Wieder einmal möchte ich aber v.a. jene Filme in den Fokus rücken, die bisher aus meiner Sicht nicht ausreichend beachtet wurden. Auf eine abschließende Punktevergabe wird innerhalb der Kurzkritiken verzichtet – jeder genannte Film stellt, wie alle Filmbesprechungen auf www.film-berater.de, eine Empfehlung dar. Viel Spaß mit der Liste der Fünf Filme für Daheimgebliebene!

Liste: Fünf Filme für Daheimgebliebene

FADO

Das vertraute Gesicht einer verstorbenen Patientin wirft den jungen Arzt Fabian aus der Bahn. Er fühlt sich vom Gesicht der Frau an seine Ex-Freundin Doro erinnert, verlässt seine Berliner Heimat und reist nach Lissabon, wo diese als Architektin arbeitet. Fabian will Doro zurückgewinnen, die zunächst von seinem plötzlichen Auftauchen überrascht ist. Fabians krankhafte Eifersucht war einst ein Grund für das Scheitern der innigen Beziehung. Doch Fabian will Doro beweisen, dass er sich geändert hat. Er bemüht sich um sie und kündigt kurzerhand seinen Job in Berlin. Und tatsächlich lässt Doro die zärtlichen Gefühle für Fabian noch einmal zu. Doch schon bald fällt Fabian in alte Muster zurück… Es entwickelt sich ein intensives Beziehungsdrama.

Jonas Rothlaenders FADO erhielt nach seiner Veröffentlichung 2016 fast ausnahmslos sehr gute Kritiken und mehrere Nominierungen für den Preis der Deutschen Filmkritik. In der Kategorie Bestes Spielfilmdebüt wurde FADO, dieses virtuos inszenierte Psychogramm, letztlich ausgezeichnet. Rothlaender lässt uns das nagende Gefühl der Eifersucht und die tiefe Verunsicherung Fabians in jeder Einstellung spüren. Die ins Extrem gesteigerte Eifersucht quält uns, kostet Kraft beim Zuschauen.

Rothlaenders Spielfilmdebüt wird mit Luise Heyer von einer starken Hauptdarstellerin getragen. Übertroffen wird sie nur von Golo Euler, der Fabian verkörpert und sich als Idealbesetzung erweist. Die eindeutigen Besitzansprüche Fabians, sein tiefer Selbsthass, das destruktive Begehren – Euler transportiert all das gekonnt, meist ohne viele Worte. Manchmal genügt ein Blick Eulers in die Ferne, um eine Idee davon zu bekommen, wie es in Fabians Inneren brodelt und arbeitet. Ergänzt wird Eulers großartiges Spiel durch dessen vergifteten Fantasie-Bilder, welche Rothlaender dem Publikum nicht vorenthält. Immer wieder verwebt das Regietalent Realität und die surreale Gedankenwelt des Protagonisten, lässt und ratlos zurück. Ist das gerade wirklich passiert? Oder handelt es sich um ein weiteres Hirngespinst Fabians?

In seinem Soundtrack gibt das deutsche Drama dem Fado weit weniger Raum, als man anhand des Filmtitels vermuten würde. Der von Saudade, dieser portugiesischen Form des Weltschmerzes, durchzogene Fado ist eher ein Gleichnis. Er ist von Sehnsucht und Wehmut angetrieben – so wie die mühsame Beziehung zwischen Fabian und Doro. Letztlich ist FADO auch ein Kurzwort für die Namen Fabian und Doro. Lissabon, diese hügelige Stadt am Tejo, wird von Rothlaender als Sehnsuchtsort inszeniert. Die nächtlichen Gassen des Alfama-Bezirks, der Altstadt Lissabons, die in ein gelbes Laternenlicht getaucht sind, bleiben haften und lassen die Stadt zu einem weiteren Hauptdarsteller dieses großartigen und wunderschön bebilderten Films werden. Eine klare Empfehlung und ohne Frage einer der Fünf Filme für Daheimgebliebene.

Originaltitel: FADO
Produktionsland: Deutschland, Portugal
Erscheinungsjahr: 2016
Regie: Jonas Rothlaender
Drehbuch: Jonas Rothlaender, Sebastian Bleyl
Darsteller: Golo Euler, Luise Heyer
Kamera: Alexander Haßkerl
Musik:
FSK: 16

Scoop – Der Knüller

Mit Filmen, die in seiner Heimatstadt New York spielen, wurde Woody Allen weltberühmt. Doch dann kam der polarisierende US-Regisseur Mitte der 2000er zum Drehen nach Europa. Zuerst nach England, dann nach Spanien, Frankreich und Italien. Viele der entstandenen europäischen Produktionen gehören zu meinen erklärten Lieblingsfilmen der 2000er Jahre. Matchpoint, ohne jeden Zweifel ein Meisterwerk Allens, hatte im Jahr 2005 eine solche Strahlkraft, dass der nur ein Jahr später abgelieferte Scoop – der Knüller vergleichsweise wenig Beachtung fand. Erneut war London der Schauplatz des filmischen Geschehens und wieder begab sich Allen für die Handlung in die britische Upper-Class. Während Matchpoint häufig als aus der Reihe fallend bezeichnet wird, ist Scoop – Der Knüller ein recht typischer Film des fleißigen Filmemachers. Auch wenn der Film weder die Komplexität noch die Qualität seines Vorgängers erreicht, schätze ich diese erfrischende und temporeiche Komödie sehr.

Zum Inhalt: Auf dem Totenschiff erfährt der verstorbene Londoner Journalist Joe Strombel von der wahren Identität des berüchtigten Tarotkarten-Mörders. Strobel vertagt die Überfahrt in den Hades, nimmt als Geist kurzerhand Kontakt mit der jungen Journalistik-Studentin Sondra Pransky auf und bittet diese, den Fall für ihn zu verfolgen. Strobel ist besessen von der Aussicht auf einen Knüller. Die größte Story seines Lebens lockt, denn der reiche und überaus attraktive Aristokrat Peter Lyman soll der Gesuchte sein. Sondra Pransky nimmt mit der widerwilligen Hilfe des Magiers Splendini die Spur des Millionärs auf…

Die geistreiche Komödie wird in typischer Allen-Manier von pointierten Dialogen getragen und kann mit fantastischen Elementen und Thriller-Suspense punkten. Neben Allen, der in die Rolle des kauzigen Zauberers Splendini schlüpft, können Hugh Jackman und die fabelhafte Scarlett Johansson in den Hauptrollen überzeugen. Natürlich gibt es Filme, in denen London eine größere Rolle einnimmt – man denke etwa an Notting Hill. Scoop – Der Knüller ist aber der unterhaltsamere Film und bietet neben der Kulisse des schönen West Londons und der nächtlichen Royal Albert Hall einen Ausflug zu einem Anwesen in Oxfordshire. Very british! Eine Aufnahme in die Liste der Fünf Filme für Daheimgebliebene erscheint mir somit unumgänglich.

Originaltitel: Scoop
Produktionsland: Vereinigtes Königreich, USA
Erscheinungsjahr: 2006
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Darsteller: Woody Allen, Hugh Jackman, Scarlett Johansson
Kamera: Remi Adefarasin
Musik:
FSK: 6

Hallam Foe – This Is My Story

Hallam ist ein schräger Vogel, der den Tod seiner geliebten Mutter nicht verkraften kann. In einem Baumhaus sitzend beobachtet der junge Mann seine Mitmenschen bevorzugt durchs Fernglas. Hallam verdächtigt seine Stiefmutter, eine ehemalige Arbeitskollegin seines Vaters, den Tod seiner Mutter verursacht zu haben und sammelt besessen Beweise für deren Schuld. Nach einer intimen Begegnung mit der, vermeintlich bösen, Stiefmutter verlässt der rebellische Hallam in einer Nacht- und Nebelaktion das Elternhaus und macht sich auf den Weg nach Edinburgh…

Eine ausführliche Besprechung dieses schrägen Coming-of-Age-Dramas finden Sie hier. David Mackenzie lässt große Teile der Geschichte über den Dächern Edinburghs spielen, so dass die nächtliche Hauptstadt Schottlands zur wichtigen Darstellerin avanciert. Das elegante Caledonian Hotel, die prächtige Cockburn Street und das ehrwürdige City Art Centre sind bei genauer Betrachtung des skurrilen Großstadtmärchens zu erkennen.

Originaltitel: Hallam Foe – This Is My Story
Produktionsland: Vereinigtes Königreich
Erscheinungsjahr: 2007
Regie: David Mackenzie
Drehbuch: David Mackenzie, Ed Whitmore
Darsteller: Jamie Bell, Sophia Myles, Ciarán Hinds, Claire Forlani, Jamie Sives
Kamera: Giles Nuttgens
Musik: Matt Biffa
FSK: 12

Brügge sehen… und sterben?

Märchenhaftes gibt es auch in der nächsten Fernweh-Empfehlung zu entdecken: Nach einem vermurksten Auftrag werden die Profikiller Ray und Ken von ihrem Boss ins malerische Brügge geschickt, um dort eine Weile abzutauchen. In der gotischen Altstadt warten sie tagelang auf weitere Instruktionen ihres Bosses. Während Ken versucht, den kulturellen Reizen der belgischen Stadt etwas abzugewinnen, beleidigt der hitzköpfige Ray dicke amerikanische Touristen und macht keinen Hehl daraus, dass er das Warten und die Langeweile im winterlichen Brügge unerträglich findet. Als sich der Boss bei Ken meldet, ist es mit der Beschaulichkeit auf einmal vorbei.

Die pittoreske Altstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten verwandelt sich in Brügge sehen… und sterben? zum Schauplatz einer grotesken und sehr humorvollen Story. Wenn Sie es leid sind, ewig gleich Filme zu schauen, dann greifen Sie unbedingt zu dieser Produktion. Brügge sehen… und sterben? ist ein Unikat, ein Film wie kein anderer, der eine besondere Stimmung transportiert. Bekannte Sehenswürdigkeiten wie der Grote Markt, der Rozenhoedkaai, der Koningin Astridpark und das Groeningemuseum bieten den fantastischen Hauptdarstellern (Colin Farrell, Brendan Gleeson und Ralph Fiennes) eine geeignete Kulisse. Und das Boutique Hotel Relais Bourgondisch Cruyce, in dem die Killer im Film wohnen, gibt es wirklich. Brügge sehen… und sterben? begeistert auch, aber nicht nur, durch diese wundervolle Kulisse und gehört zu den wenigen Filmen, die ich immer wieder sehen kann.

Randnotiz: Ende der 2000er habe ich eine Interrailreise durch Europa gemacht. Brügge war damals völlig überlaufen, platzte aus allen Nähten. Die kleine, zwischen Tragik und Humor changierende Produktion hatte weltweit so viele Menschen begeistert, dass Brügge im Anschluss von Touristen überrannt wurde. Somit handelt es sich bei der schwarzen Komödie sicher nicht um einen Geheimtipp. Der Anspruch auf einen Platz auf der Liste der Fünf Filme für Daheimgebliebene ist trotzdem unstrittig.

Originaltitel: In Bruges
Produktionsland: Vereinigtes Königreich, USA
Erscheinungsjahr: 2008
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
Darsteller: Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes
Kamera: Eigil Bryld
Musik: Carter Burwell
FSK: 16

Auf der anderen Seite

Dieser Ensemblefilm gehört für mich zu den besten Werken Fatih Akins sowie zu den Highlights des deutschen Films im Jahr 2007. Der Hamburger Regisseur erzählt in Auf der anderen Seite von verschiedenen Menschen aus Deutschland, Akins Heimat, und der Türkei, die Heimat seiner Eltern, die sich nicht kennen, deren Geschichten jedoch miteinander verbunden sind. Die Verknüpfung mehrerer Erzählstränge aus verschiedenen Teilen der Welt erinnert an Iñárritus Babel oder, den erst nach Auf der anderen Seite entstehenden, Mammut von Lukas Moodysson. Hinter beiden Filmen braucht sich Akins Werk nicht zu verstecken.

Ali, ein pensionierter Witwer, bietet der Prostituierten Yeter an, gegen eine monatliche Zahlung mit ihm zusammenzuleben. Nach Yeters tragischem Tod macht sich Alis Sohn Nejat, ein Germanistikprofessor an der Universität Hamburg, auf den Weg in die Türkei, um die in Istanbul vermutete Tochter der verstorbenen Prostituierten zu suchen. Tatsächlich hält sich diese als, aus der Türkei geflüchtete, politische Aktivistin illegal in Deutschland auf, wo sich die Studentin Lotte in sie verliebt. Nachdem Ayten aus Deutschland ausgewiesen wird, folgt auch Lotte ihr in die Türkei… Mehr möchte ich über den Inhalt des Films nicht verraten, wenngleich Akin die Entwicklungen der – in drei Teile gegliederten – Geschichte selbst mehrfach vorwegnimmt. Hierfür nutzt der Regisseur Titeleinblendungen, die weit blicken lassen. Diese stets transparente Erzählstruktur bedingt einen Brechtschen Verfremdungseffekt: Sie hält uns vom völligen Abtauchen in die Tragödie ab, regt somit zur Reflexion an. Jedes einzelne Kapitel beobachtet Personen, auf der Suche nach sich selbst. Doch es sind die Begegnungen der Personen untereinander, die der Geschichte eine entscheidende neue Richtung geben.

Akin schafft mit Auf der anderen Seite ein aufregendes, globalisiertes Kino. Seine Protagonisten repräsentieren das breite Spektrum geglückter und gescheiterter Integration in eine fremde Kultur. Akin selbst baut Brücken zwischen der deutschen und der türkischen Welt. Ein Verdienst, den man ihm kaum hoch genug anrechnen kann. Der Film wirkt reifer als andere Filme aus Akins Œuvre, ist ungemein intensiv und zeitgleich sehr zurückgenommen. Die Erzählweise ist ruhig, fast meditativ, die Bilder oft wunderschön, gerade jene aus der Türkei. Die geographische Lage schenkt der Stadt Istanbul ein Licht, welches außergewöhnlich ist und nach einer großen Leinwand ruft. Neben Istanbul hat Akin an der Schwarzmeerküste und in Trabzon gedreht. In Deutschland setzt er Hamburg und meine Geburtsstadt Bremen gekonnt in Szene. Nicht nur deshalb hat sich Auf der anderen Seite einen Platz in der Liste der Fünf Filme für Daheimgebliebene verdient.

Originaltitel: Auf der anderen Seite
Produktionsland: Deutschland, Türkei
Erscheinungsjahr: 2007
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Darsteller: Baki Davrak, Tuncel Kurtiz, Nursel Köse, Nurgül Yeşilçay, Yelda Reynaud, Patrycia Ziółkowska, Hanna Schygulla
Kamera: Rainer Klausmann
Musik: Shantel, Kâzým Koyuncu
FSK: 12

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